Erholung und Wohlbefinden an Board

Licht hat eine starke Wirkung auf den menschlichen Körper und kann – sofern es richtig eingesetzt wird – unser Wohlbefinden steigern, auch an Bord von Flugzeugen. Nicht umsonst gibt es seit Jahren den Trend zur Ambientebeleuchtung. Aber auch funktionales Licht spielt dabei eine große Rolle. Dr. Achim Leder, Gründer und Geschäftsführer der jetlite GmbH aus Hamburg, hat erstmals wissenschaftlich untersucht, was „richtiges“ Licht an Bord von Langstreckenflügen ausmacht. Mit dem Ansatz des Human Centric Lighting will jetlite das Fliegen angenehmer gestalten. Wie dies gelingt und worauf wir uns als Passagiere über den Wolken künftig auch noch freuen dürfen, hat er uns im Gespräch erläutert.

jetlite stellt die weltweit erste holistische und wissenschaftlich nachgewiesene Lösung zur Reduktion von Jetlag auf Langstreckenflügen zur Verfügung. Warum ist das ein Segen für den Fluggast?

Mit unserer Lösung an Bord wird fliegen entspannter, vor allem auf Nachtflügen. Passagiere werden dabei mit Licht unterstützt, in den Schlaf zu entgleiten und gegen Flugende erholt aufzuwachen. Der Körper benötigt das Hormon Melatonin zum Schlafen. In der Vergangenheit wurde zu viel blaues Licht an Bord eingesetzt, wodurch die Melatonin-Produktion im Körper unterdrückt wurde. Indem wir in den Abendstunden blaues Licht vermeiden, kann unser Körper Melatonin besser herstellen und wir können leichter schlafen. In der Aufwachphase hingegen hilft uns der Blauanteil im Licht. Dieses Phänomen machen wir uns zunutze: Durch den optimierten Lichteinsatz an Bord beeinflussen wir den Zeitpunkt der maximalen Melatonin-Ausschüttung während des Fluges und passen die innere Uhr des Menschen schon stärker auf die Zeitzone des Zielortes an. Das bedeutet, dass man entspannter und fitter am Ziel ankommt. Wir helfen folglich, Stress und Jetlag zu reduzieren sowie Erholung und Wohlbefinden zu maximieren.

Eine Software steuert das Lichtszenario auf Langstreckenflügen. Wie funktioniert sie?

Wenn man jetlite in drei Worten zusammenfasst, so sind dies Licht, Software und Forschung. Rund um das Thema Licht haben wir viel Forschung betrieben, forschen natürlich auch weiter, und bringen die Ergebnisse in die Software ein, die dann die Kabinenbeleuchtung in Abhängigkeit verschiedener Flugparameter steuert. Dies sind zum Beispiel Flugrichtung, Flugdauer, überflogene Zeitzonen und unterschiedliche Zeitpunkte am Start- und Zielort. Die Lichtszenarien orientieren sich immer am Zielort, unabhängig davon, wo der Passagier seine Flugreise begonnen hat.

Ist hiermit KI endlich in der Flugzeugkabine angekommen und wie könnte KI weitere Vorteile bieten?

Ja, das ist sie. Mit Hilfe von KI könnte unsere Software noch viel feiner abgestimmt und individualisiert angewendet werden. So könnte jeder Fluggast in der Business Class mit Hilfe der Sitzbeleuchtung seine eigene Atmosphäre an seinem Platz schaffen. Die Lichtszenarien im Sitz könnten dann auf die eigene innere Uhr der Passagiere abgestimmt werden. An diesem Projekt arbeiten wir bereits mit Unternehmen aus der Luftfahrtbranche und werden einzelne Ergebnisse auf der Aircraft Interior Expo in Hamburg vorstellen. Auch im Economy-Bereich werden individuelle Brillen, die auf jeden einzelnen Fluggast abgestimmt sind, zum Einsatz kommen. Wir sind zuversichtlich, die jetlite-Brille mit unserem Partner noch 2020 auf den Markt zu bringen.

Seit 2017 fliegt Ihr Lichtkonzept erfolgreich im A350 der Lufthansa. Welche Rückmeldung hat Sie bisher am stärksten beeindruckt?

Lufthansa hat mit der Ludwig-Maximilians-Universität München eine große Umfrage durchgeführt: 88% der Passagiere, die normalerweise auf Langstreckenflügen nicht schlafen können, haben nach dem Flug angegeben, dass sie schlafen konnten. Dieser Wert ist extrem hoch und hat uns sehr gefreut. Der Schlaf hat sich bei allen Fluggästen um durchschnittlich 10% gesteigert – ebenfalls ein wissenschaftlich beeindruckendes Ergebnis.

Sie sind 2019 eine Kooperation mit Lufthansa Technik, SCHOTT und Etihad Engineering eingegangen. Wie bringt das Ihre Arbeit voran?

Wir entwickeln ausschließlich Software und wollen mit Partnern für Lichtsteuerungshardware wie das „nice“-System von Lufthansa Technik zusammenarbeiten. SCHOTT bietet hierfür das hochwertigste Licht im Bereich der Kabinenbeleuchtung an, weil es absolut homogen ist. Im Mock-Up von Etihad Engineering konnten wir auf der Dubai Air Show die Lösung von Lufthansa Technik, SCHOTT und jetlite präsentieren. Für uns als kleines Unternehmen ist es natürlich sehr interessant, mit großen etablierten Unternehmen zusammenzuarbeiten.

Sie möchten künftig Ihr Wissen auch in die Ernährungsberatung für Airlines einfließen lassen. Wie dürfen wir uns das vorstellen?

Die Melatonin-Produktion wird nicht nur durch Licht ausgelöst – auch mit Hilfe der Ernährung kann man diese beeinflussen: so unterstützen Pistazien die Melatonin-Produktion, Hafer hingegen hemmen sie. Unser Ziel ist es, das Catering an Bord mit den Lichtszenarien zu vereinen, beispielsweise abends leichte, den Schlaf fördernde Speisen zu servieren, dafür das Frühstück deftiger ausfallen zu lassen.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: was sollte sich 2020 in der Flugzeugkabine unbedingt sofort ändern?

Bequeme Betten mit einer richtigen Matratze, damit man besser liegen kann: Ein Bett mit einer bezogenen Bettdecke wäre mein Traum!

Dr. Achim Leder arbeitet seit mehr als 15 Jahren in der Luftfahrtindustrie, unter anderem für EADS (Airbus), EUROJET und Dortmund Airport. Er hat jetlite 2017 nach Beendigung seiner Promotion gegründet.

06. März 2020

Kontakt

Dr. Haike Frank
Lighting & Imaging
SCHOTT AG

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