Interview

Foto: ESO
Gerhard Samulat

„Die Astronomie bereichert unser tägliches Leben”

Professor Tim de Zeeuw, Generaldirektor des European Southern Observatory, über das All und was wir von ihm lernen können.

solutions: Wie weit können wir heute ins All blicken?

de Zeeuw: Da das Licht der Sterne und Galaxien sehr lange bis zur Erde unterwegs ist, geht es im Grunde nicht um eine physikalische Distanz, sondern um einen Blick in die Vergangenheit des Universums. Mit Teleskopen wie dem Very Large Telescope (VLT/Foto) in Chile können wir gut 13 Milliarden Jahre zurück­blicken, in eine Zeit rund 700 Millionen Jahre nach dem Urknall, aus dem das All entstand.

solutions: Was war die bemerkenswerteste Entdeckung der ESO in letzter Zeit?

de Zeeuw: Das Erstaunlichste sind derzeit wohl die Planeten, die um fremde Sonnen kreisen. Wir vermuten, dass fast jeder dritte sonnen­ähnliche Stern mindestens einen erdähnlichen Planeten hat. Kürzlich entdeckten wir, dass sich sogar gleich drei Himmelskörper um den Stern HD 40307 drehen. Eine andere wichtige Entdeckung ist das alles verschlingende schwarze Loch im Zentrum unserer Milchstraße. Mit dem VLT konnten wir zeigen, dass es rund drei Millionen Mal schwerer ist als ­unsere Sonne.

solutions: Was lernen wir aus dem Blick ins All?

de Zeeuw: Wir erfahren etwas über unseren Platz im Universum: dass wir dem Urknall vor etwa 13,7 Milliarden Jahren entstammen und letztlich aus dem Staub früherer Sterne bestehen. Oder wie lange unsere Sonne noch Licht spendet. Die Astronomie erlaubt uns, mehr über die physikalischen Gesetzmäßigkeiten im Universum und deren Bedeutung für uns auf der Erde zu erfahren. Gibt es etwa mehr als die uns bekannten drei Dimensionen? Oder so etwas wie eine „dunkle Energie”, die den Raum auseinander presst? Oder „dunkle Materie”, die Galaxien verklumpt? Unsere Beobachtungen sprechen zumindest dafür. Aber die Astronomie bringt auch viele Errungenschaften, die unser tägliches Leben bereichern. Die kratz­feste Beschichtung von Kunststoffgläsern wurde ursprünglich für Visiere von Raumanzügen entwickelt. Das Fieberthermometer zur Ohr-Messung stammt aus der Raumfahrt. Der intelligente Mars-Rover ist nahezu autark und kann vieles selbst entscheiden. Das birgt riesige ­Potenziale für die Industrie.

solutions: Warum werden die Teleskope immer größer?

de Zeeuw: Die wichtigste Funktion eines Teleskops ist, so viel Licht wie möglich einzufangen. Denn je weiter Objekte von uns entfernt sind, umso lichtschwächer sind sie. Das Prinzip ähnelt dem unserer Pupillen: Auch sie werden bei Nacht größer und nehmen mehr Licht auf, so dass wir besser sehen können. Aber selbstverständlich gibt es Grenzen. Viele haben mit der Konstruktion des Teleskops oder der Größe der Spiegel zu tun. SCHOTT hat hier im Jahr 1986 mit dem Einsatz der Glaskeramik Zerodur® für das New Technology Telescope (NTT) einen Meilenstein gesetzt. Mit diesem hochgradig temperaturstabilen Material konnten wir erstmals aktive Optiken aus dem nunmehr dünnen und somit verhältnismäßig leichten Spiegelträger bauen. Damit lassen sich jetzt kleinste Unebenheiten des ­Reflektors ausgleichen und die Güte der Auf­nahmen erhöhen. Dank dieser Technik revolutionierten das NTT und das VLT die moderne Astronomie.
Ergänzende Informationen
Prof. Tim de Zeeuw