Kunst mit Glas

Schätzt die enge Zusammenarbeit mit SCHOTT: Roni Horn bei der Inspektion eines ihrer gläsernen Kunstwerke in der Konzernzentrale in Mainz. (Foto: SCHOTT/T. Bauer)
Dr. Hans-Peter Schwanke

Komplexe Glaskünste voller Tiefgründigkeit

Perfektion und Präzision zeichnen die plastischen Arbeiten der amerikanischen Künstlerin Roni Horn aus. Diese auch dem Werkstoff Glas anhaftenden Merkmale kombiniert sie mit dessen Transparenz und Formbarkeit zu feinsinnigen Reflexionen.

Ich liebe die Klarheit, aber auch die Zerbrechlichkeit des Materials«. So begründet die weltweit zu den führenden Künstlern der Gegenwart zählende Roni Horn ihre Affinität zum Glas. Zu den Höhepunkten in ihrem über dreißigjährigen Werkschaffen zählt eine unlängst vollendete, auf Dauer angelegte Installation auf Island. In der aufgelösten Bücherei des Fischerortes Stykkishólmur hat die Künstlerin mit »VATSASAFN/Library of Water« eine »Bibliothek des Wassers« geschaffen. Das dort vorgestellte Kunstwerk aus Glas, Wasser und Licht trägt den Titel »Water, Selected«. Im großen Saal ersetzen zerstreut angeordnete, raumhohe Glassäulen die einstigen Bücherregale. Wie in riesigen Reagenzgläsern sind in ihnen geschmolzene Proben von 24 der bedeutendsten isländischen Gletscher abgefüllt. Die 2,90 Meter hohen Röhren von 300 Millimeter Durchmesser wurden aus dem temperaturwechselbeständigen und chemisch resistenten Duran® Borosilikatglas 3.3 von SCHOTT produziert. Damit es nicht zur Algenbildung kommt, wurden die Röhren an beiden Enden mit aufgeschmolzenen Glasplatten hermetisch versiegelt. Sie sind so ausgelegt, dass sie dem Druck und Gewicht von 260 Kilogramm schweren Wasser standhalten. Nach Island verschifft, verfüllte man sie über einen sterilen Schlauch mit dem Gletscherwasser. Fast wie durch Gletscherspalten bewegt sich der Besucher durch das Glasröhrenlabyrinth, dessen Inhalt zwischen glasklar bis milchig-trüb, leicht grünlich bis hellbraun schwankt. Ihren vollen Reiz entfalten die Stelen, wenn der Blick hindurch in die Natur schweift. Wie durch Hohlspiegel erscheint das vom erhöhten Standort erlebbare Panorama mit Hafen, Meer, Häusern und Himmel verzerrt und verschroben. Die Silhouetten der vorbei wandelnden Personen beleben die surreal-träumerische Szenerie. Je nach Witterung variieren die Bilder. Die enge Korrespondenz zur Natur vor Ort vollendet eine literarische Komponente. Wie eine Art meteorologisches Diagramm spiegeln auf dem beigefarbenen Gummiboden eingebettete Wörter in Isländisch und Englisch das teils von Minute zu Minute wechselnde Licht, das Horns Wasserarchiv aktiviert. Die Adjektive assoziiert Horn auch mit dem Wetter und dem Wasser: Bitter, wild, nass, lieblich, stürmisch, sonnig. Der Effekt der Installation intendiert ein politisch-ökologisches Anliegen. Es resultiert aus der fortschreitenden Erd­erwärmung. Die im Wasser treibenden Rückstände sind Zeichen der Rückbildung der Gletscher. Horn versteht ihre Bibliothek daher als etwas endspielähnliches, da viele ihrer angezapften Materialquellen bald versiegt sein werden. Wie Totempfähle aus Glas zeichnete sie die Landschaft im Haus nach, um ruhige Gedankenfolgen zuzulassen.
Im ehemaligen Bibliotheksgebäude am Hafen der isländischen Stadt Stykkishólmur (oben) kreierte Horn die langfristige Installation »VATNASAFN/ Library of Water«. 24 Glaskolumnen wurden bei der Skulptur »Water, Selected« dafür mit Wasser der wichtigsten isländischen Gletscher gefüllt. (Foto oben: VATNASAFN/Library of Water, Foto unten: Artangel)
Seit 1975 zieht es die in New York lebende und arbeitende Künstlerin immer wieder nach Island, dessen Isolation und Naturlandschaft sie als eine Art »open air studio« und zentrale Inspirationsquelle nutzt. Hier erforscht sie den Fluss der Natur und stellt Verbindungen her zwischen inneren und äußeren Welten. Sie münden in Skulpturen, Fotografien, Zeichnungen oder Bücher. In allen Medien konzentriert sie sich auf eine besonders zarte Grammatik der Zeichensetzung. In direkter Beziehung zum zyklischen Verhältnis zwischen Mensch und Schöpfung konfrontiert sie ihr Publikum mit interaktiven Werken, die bei näherem Anblick obgleich ihrer blockhaften Gleichmäßigkeit unbeschreibliche Energie entfalten.

Minimalismus ohne Pathos

Neben der Installation »MY OZ, an exhibition« zeigte in Reykjavik eine Retrospektive weitere neue Werke Horns, darunter ein Paar Glasplastiken. Dabei handelte es sich um zwei auf fünf Seiten gesandstrahlte Blöcke von 1,3 mal 0,75 Meter. Die aus bernsteinfarbenem Amber Glas von SCHOTT gegossenen Blöcke nennt Horn »Untitled (...in a wilderness not big enough for a decent billard room)«. Auch die im New Yorker Guggenheim-Museum präsentierte Plastik »Untitled (Flannery)« ist zweiteilig. Beide identischen Blöcke aus blauem gegossenen SCHOTT Glas erscheinen wie transparente Lichtbrunnen von einer reflektierenden, unglaublichen Tiefe. Das Blau als Farbe des Kosmos sowie unbegrenzter Fantasie erzeugt einen Zustand der Melancholie. Der mit variablem Lichteinfall wandelnde Zustand eröffnet Tiefen, die sich in metaphysischen und psychologischen Sphären bewegen. Aus dem Jahre 2001 stammt die zweiteilige Arbeit »Untitled (Yes)«. Wieder handelt es sich um zwei tagesbelichtete Blöcke; einer aus Klarglas, ein zweiter in tiefem Schwarz. Nur die Oberseiten sind feuerpoliert. Die des farblosen Körpers ist leicht gewölbt und erzeugt eine Spannung, die optisch den Fußboden leuchtend und vergrößert nach oben überträgt. Die Oberfläche des schwarzen Blocks wurde etwas vertieft und erscheint flüssig bewegt. Roni Horns Plastiken vermeiden große Gesten. Sie sind aufs Nötigste konzentriert. Horn kreiert einen Minimalismus ohne Pathos, einfach und komplex zugleich unter Einforderung der aktiven Beteiligung des Betrachters. Ihm wird abverlangt, sich auf nachhaltige Entdeckungen einzulassen. Über Verdopplungen werden dialogisch Verhältnisse und Wandlungen überprüft, Differenzen und Identitäten offen gelegt.

Schon während ihres Studiums in den 1970er Jahren setzte Horn in ihren ersten Objekten optisches Glas von SCHOTT ein. Mit technischer Hilfe von SCHOTT und ausgeklügelter Raffinessen verwandelt sie stumpfe, erkaltete Glasrohlinge in tiefgründige Kunstwerke. Die archaische, schnörkellose Rationalität verhindert jedwede Ablenkung von ihren gehaltvollen, subtil verborgenen Botschaften. Ganz im Mittelpunkt von Horns Werken steht die Enträtselung durchdringender ästhetischer Erfahrung.
Ergänzende Informationen
Biografie Roni Horn