Interview

„Der Unterschied zwischen den US-amerikanischen und den europäischen Solarenergiemärkten entspricht in etwa dem zwischen einem Neugeborenen und einem Jugendlichen, der eben das Teenageralter erreicht hat. Wir beginnen gerade zu krabbeln, während Europa in der Entwicklung schon weiter ist, jedoch immer noch auf ‚elterliche Fürsorge’ seitens der Politik angewiesen ist.” Foto: SCHOTT/W. Breuer
Vera von Keller

„Große Zukunft für Solarenergie”

Dr. Lawrence L. Kazmerski, Direktor National Center for Photovoltaics am National Renewable Energy Laboratory (NREL), Golden, Colorado/USA, über Perspektiven des US-Solar-Markts.

solutions: Das NREL hat im Oktober 2007 seine Studie »Eine vorläufige Untersuchung von Angebot und Nachfrage bei Strom aus erneuerbaren Energiequellen« veröffentlicht. Was haben Sie herausgefunden ?

Kazmerski: Es ist unverkennbar: die Vereinigten Staaten müssen Entwicklung und Einsatz erneuerbarer Energien deutlich beschleunigen, um den rasch wachsenden Bedarf an Strom in diesem Land zu befriedigen. Die Studie warnt, dass kurzfristig nicht genug Energie aus erneuerbaren Stromquellen zur Verfügung stehen könnte. Dieses Defizit kann nur mit dauerhafter bundesstaatlicher und nationaler Unterstützung und einem kontinuierlichen Ausbau der entsprechenden Industrie im nächsten Jahrzehnt aufgefangen werden.

solutions: Wie bewerten Sie die Rolle der Solarenergie in den USA ?

Kazmerski: Die Solarmärkte wurden von vorausblickenden Entscheidungsträgern in Kalifornien, New Jersey, Nevada, New York, New Mexico und weiteren Bundesstaaten vorangetrieben. Gleichzeitig interessierte sich die US-amerikanische Öffentlichkeit mehr und mehr für die Bedeutung der Erderwärmung und die Konsequenzen. Die Solar America Initiative wirkte hier hervorragend als Motivator. Die USA sind beim Thema Solar an einem Wendepunkt. Was hier in den nächsten ein oder zwei Jahren passieren wird, wird dafür sorgen, dass sich diese Technologien wie eine „Art Buschbrand“ ausbreiten. Ich bin da sehr optimistisch.

solutions: Was halten Sie von den Projekten Stillwell Avenue Subway Station, Coney Island und Nevada Solar One ?

Kazmerski: Diese Projekte sind exzellente Beispiele für den erfolgreichen Start der fortschrittlichen komplementären Solar-Technologie. Die Stillwell Avenue Subway Station liefert rund zwei Drittel der benötigten Elektrizität der Subway Station sowie seiner Laden-Zone und ist Teil des New Yorker Zukunftsprogramms zur Nutzung erneuerbarer Energie-quellen im Rahmen des Öffentlichen Nahverkehrssystems. Nevada Solar One ist das erste große Parabolrinnenkraftwerk der zweiten Generation, das in den USA gebaut wurde. Die der Sonne nachgeführten Parabolspiegel bündeln das Licht auf Receiverrohre. Die erzeugte Hitze kann in eine Leistung von 64 Megawatt umgewandelt werden – genug, um 40.000 Haushalte in Las Vegas während der Tagesspitzenzeiten mit Strom zu versorgen. Dieses Projekt leitet die Wiedergeburt der Solarthermie im Südwesten der USA ein. Weitere Projekte sind nicht nur in Nevada, sondern auch für New Mexico, Colorado und Kalifornien vorgesehen.

solutions: Welche Auswirkungen haben diese Solar-Projekte auf den Rest des Landes ?

Kazmerski: Zunächst einmal haben sie bewiesen, dass diese Technologie funktioniert – sie ist keine Zukunftsmusik. Zweitens gelang es, politische Entscheider zur Einführung dieser Technologien unter einen Hut zu bringen. Die Strombranche nimmt auch die Photovoltaik als real wahr – man betrachte nur, wie Applied Materials, GE und andere agieren. Angesichts von eingesetzten Venture-Capital-Mitteln im Bereich von 250 Millionen US-Dollar im vergangenen Jahr sehen auch Investoren hier eine Zukunft. Wir brauchen jedoch eine revolutionäre Wende beim Einsatz von sauberen, erneuerbaren Energien. Ich befürchte, die Unmittelbarkeit des Problems in den USA wird noch nicht ganz erfasst. Dabei bin ich sicher, dass die USA noch im ersten Quartal dieses Jahrhunderts 20–25 Prozent ihres Stroms aus Solarenergie erzielen können.
Ergänzende Informationen
Dr. Lawrence L. Kazmerski