Kunst

»Whole day holiday«: Die so benannten Kunstwerke im Vordergrund sind Beispiele für die raffinierte Technik des deutschen Glaskünstlers Nabo Gaß, der mit pulverisierter Farbglaspaste malt. (Foto: F. Widmann)
Dr. Hans-Peter Schwanke

Erlebniswelten aus Glas

Das Werk des deutschen Glasbildners Nabo Gaß vereint innovative Raffinessen mit hohem kreativen Anspruch. Er zählt zu den wenigen mutigen Künstlern, die sich mit dem lichtdurchlässigen Bildträger auseinandersetzen.

„Es ist die Transparenz des Glases, die es mir ermöglicht, mehrere Gedanken- und Erlebnisebenen in einem Bild darzustellen.”
Mit dieser Aussage beschreibt Nabo Gaß seinen gestalterischen Umgang mit einem Werkstoff, der ihn schon früh beschäftigte.

1973 beginnt der 19-Jährige eine Glasmalerlehre bei der weltbekannten Werkstätte für Glasmalerei Wilhelm Derix in Taunusstein, Deutschland. Neben den technischen Vorgängen wie Färben, Ätzen, Sandstrahlen oder Verbleien lassen ihn die kreativen Abläufe nicht los. Der schöpferische Drang entlädt sich zwar zunächst in der Malerei. Dann packt ihn jedoch der Eifer, die Transparenz des Glases in dieses Schaffen
einzubinden.

In Nabo Gaß’ frühen Arbeiten sitzen noch nach traditionellem Muster opake und klare Gläser in einem Bleirutennetz. Dann wächst die Ausdehnung der transparenten Zonen. Die strengen Geometrien weichen freieren Formen, die das Bleirutennetz über die Technik der Fusingglas-Methode verdrängen. Mit einer pulverisierten Farbglaspaste malt Gaß mit dem Pinsel oder Spachtel in bis zu vier Schichten auf die Trägerglasscheibe. Bei Spitzentemperaturen von bis zu 840 Grad Celsius werden die aufgetragenen Pastenlagen miteinander und nicht ineinander verschmolzen.

An dieser Stelle kommt das Spezialglas B 270® von SCHOTT ins Spiel: Da sich die Ausdehnungskoeffizienten dieses Flachglases am besten mit der hinzugefügten Farbglasmasse vertragen, bevorzugt es Gaß ausschließlich für die Trägerscheiben. Interessant ist dabei: Das hochtransparente B 270® zählt nicht zur umfangreichen Palette der SCHOTT Architektur- und Designgläser, sondern wird für optische Anwendungen wie etwa Linsen eingesetzt.
Herbstlicher Blätterwald: Mit Spachtel und Schablone platziert Nabo Gaß akkurat Glasmehl auf SCHOTT Spezialglas. Das Werk wird zum Abschluss gebrannt. (Foto: F. Widmann)
Die beschriebene Technik wird kombiniert mit einem weiteren fototechnischen Sandstrahlverfahren. Dabei wird eine fotografisch fixierte Ansicht auf eine Glasscheibe projektiert. Die unbelichteten, nicht mittels einer Masse abgedeckten Partien lassen anschließend die Bearbeitung mit dem Sandstrahler zu. Nach Ablösung der Deckmasse von der Scheibe ist das Motiv fotografisch genau ins Glas übertragen.

Bei all den angewandten Techniken bleibt der Künstler selbst Herr des Verfahrens. Die Illustration seiner unverfälschten Handschrift ist ihm wichtig. Daher führt Nabo Gaß auch sämtliche Arbeitsgänge vom Entwurf bis zur Montage der Werke eigenhändig in seinem großzügigen Emporenatelier am Wiesbadener Rheinufer aus.

In den Glasbildern sind drei Lagen hintereinander geschichtet. Innen liegt die Glasmalerei, flankiert von den sandgestrahlten Scheiben. Ähnlich wie Gedankengänge überlappen sich auf diese Weise Bildthemen. Die Sujets für die gläsernen Erlebniswelten resultieren aus dem alltäglichen Erleben. Lebendig bewegt erscheinen phantasiereich der Natur entsonnene Formen, die mit der durchscheinenden Landschaft dahinter korrespondieren. Dazwischen schiebt sich filmartig ein Kommentar zum Geschehen der Zeit. Teils virtuose, ausdrucksstarke Formen pendeln zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Kräftige Farben unterstützen die Eleganz der Strukturen. Der Betrachter wird angehalten, zwischen den gläsernen Schichtungen und dem Dahinter zu wechseln. So kann er Vorder- und Hintergründiges erfassen.

Die Glaskunstwerke von Nabo Gaß bieten gehaltvolle Erlebniswelten. Der Kern seines sehr spezifischen Beitrages zur zeitgenössischen Glaskunst besteht aus einem Plädoyer für differenzierte Betrachtungsweisen. Gaß ist bestrebt, den klaren, zugleich kritischen Blick für das Wesentliche sowie den Dialog darüber nicht aus den Augen zu verlieren.
Der Kreativprozess ist schweißtreibend (links), das Ergebnis spannend (Mitte unten): Auch in Ofenhitze Zerknülltes (»Short Moments«) trägt Schönheit. Die Winterszene »Erwachen« (Mitte oben, 1,90 m x 1,90 m) entstand durch sandgestrahltes Glas. (Fotos: F. Widmann)
Ergänzende Informationen
Biografie Nabo Gaß