Netzferne Solarstromversorgung

Im ersten Schritt des Regierungsprogramms »Brightness« erhielten 3.200 Menschen in 25 chinesischen Dörfern Solaranlagen von SCHOTT wie diese in der Provinz Gansu.
Johannes Bernreuter

Endlich Elektrizität!

Mit Solarstromanlagen in dünn besiedelten Provinzen Chinas und anderen Regionen der Welt leistet SCHOTT einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Lebensbedingungen – und erschließt einen Zukunftsmarkt.

Auf dem letzten Teil der Fahrstrecke geht es ein bis zwei Stunden lang nur noch über einen holprigen Sandweg vorwärts. Die Route führt durch eindrucksvolle Canyons mit tief eingeschnittenen, fast trockenen Flusstälern hinauf zu Feldern auf 1.300 Höhenmetern. Dort, am Rand der steilen Canyons in der Provinz Gansu im Westen Chinas, bauen bescheidene Bauern auf meterdickem Lössboden Weizen und Sojabohnen an. Als der Tross im Dorf Mawan ankommt, wird er begeistert empfangen. Zur Begrüßung brennen die Bewohner Knallkörper ab, eine Gruppe von Schulkindern und Musikern singt, tanzt und ruft: „Deutsch-chinesische Freundschaft für immer!” Der herzliche Empfang gilt Experten des deutschen Solarmodulherstellers SCHOTT Solar und des Wechselrichterproduzenten SMA, die zusammen mit chinesischen Firmen eine Stromversorgung für die rund 120 Einwohner aufbauen.

In China leben schätzungsweise noch 30 bis 50 Millionen Menschen ohne Strom, vor allem in den dünn besiedelten westlichen Provinzen. Um die starke Landflucht zu bekämpfen, investiert die chinesische Zentralregierung massiv in die Infrastruktur. Mit dem »Brightness«-Programm, das 1999 in die Pilotphase ging, sollen 23 Millionen Chinesen bis zum Jahr 2010 Zugang zu Elektrizität aus erneuerbaren Energiequellen bekommen. Wegen der weit verstreuten Siedlungen setzt die Regierung dabei auf autarke Dorfstromnetze, so genannte Mini-Grids.

Seit 2002 unterstützt das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung das Programm mit Zuschüssen aus Deutschland. Vorgesehen sind 26,2 Millionen Euro, um 375 Solarstrom-Inselnetze in Dörfern der westlichen Provinzen Xinjiang, Quinghai und Gansu sowie der südlichen Provinz Yunnan zu installieren. Umgerechnet 13,2 Millionen Euro liefern die Provinzen als Eigenbeitrag.
Die Freude ist groß: Erstmals erhellt elektrisches Licht die Wohnungen, die in harte Lössschichten gehauen wurden. Das Solarstromnetz ermöglicht nun auch Satellitenfernsehen.
Für Gansu, wo die durchschnittliche Sonneneinstrahlung mit 1.500 bis 1.700 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr noch höher liegt als etwa in Nordafrika, schrieb die Chinese International Tendering Corporation (CITC) in Peking zunächst die Stromversorgung von 25 Dörfern aus. Im März 2005 erhielt SCHOTT Solar als Generalunternehmer den Zuschlag und unterzeichnete am 10. November 2005 den Vertrag mit der CITC und dem zukünftigen Betreiber der Stromnetze, der in der Provinzhauptstadt Lanzhou ansässigen Gansu Huineng New Energy Development Company. Aus Lanzhou kommt auch die Installationsfirma, von der zehn Mitarbeiter in einer fünftägigen Veranstaltung Anfang Juni 2006 gründlich geschult wurden.

Erst danach ging es zur Installation der Solarkraftwerke in die einzelnen Dörfer. Dort waren die Kabelstränge zu den teilweise mehrere 100 Meter auseinander liegenden Höfen bereits auf Holzmasten verlegt worden. Zum Auftakt lernten die Installateure in den Orten Mawan und Guowan unter Anleitung der deutschen Experten von SCHOTT und SMA, wie man die einzelnen Systemkomponenten richtig miteinander verschaltet. In 18 von 25 Dörfern unterstützen Dieselgeneratoren den Betrieb. Sie decken aber maximal zehn Prozent des Strombedarfs, um den Treibstoffverbrauch und die Abnutzung des Motors zu begrenzen. Die Generatoren stammen ebenso wie die Nickel-Cadmium-Akkus zur Stromspeicherung von chinesischen Firmen.
In Gansu liegt die durchschnittliche Sonneneinstrahlung höher als in Nordafrika.
Bis Ende November 2006 wurden in den 25 Dörfern SCHOTT Solarstrommodule mit einer Gesamtleistung von rund 125 Kilowatt (kW) installiert. Das ergibt eine durchschnittliche Anlagengröße von knapp 5 kW pro Ort. Umgelegt auf einen Haushalt, kann eine Familie so etwa 120 Kilowattstunden Strom im Jahr beziehen – wenig im Vergleich mit industrialisierten Regionen, aber ausreichend für Beleuchtung und Satellitenfernsehen. Die Dorfbewohner sind begeistert: „Endlich haben wir elektrisches Licht!” Da alle Komponenten über ein Wechselspannungsnetz mit 220 Volt verbunden sind, ist das System modular erweiterbar.

SCHOTT Solar bringt für Projekte wie Gansu das notwendige System-Know-how mit und sammelte in rund 15 Jahren reiche Erfahrung mit netzferner Stromversorgung in Europa, USA, Afrika und Asien. Der Solarmodulhersteller sieht sich aber nicht primär als Systemanbieter. „Unser Ziel ist es, lokale Händler und Systemintegratoren zu qualifizieren, damit sie auf Basis unserer Module ein Geschäft aufbauen können”, erläutert Martin Gorn, Vertriebsleiter Export für Asien, Afrika und Pazifik. Weltweit wird die Zahl der Menschen, die noch ohne Strom leben, auf bis zu zwei Milliarden geschätzt. Dazu sagt Martin Gorn: „Die netzfernen Gegenden sind die Solarmärkte der Zukunft.”
SCHOTT hat langjährige Erfahrung mit netzferner Solarstromversorgung in aller Welt: In Tansania bezieht die Missionsstation »Maria Malkia« seit Juni 2006 Energie aus einer der größten Solaranlagen des Landes. In strukturschwachen Gebieten Indonesiens (links) profitiert man seit langem von solchen autarken Systemen.