Indien

SCHOTT Glass India fertigt Röhren aus Neutralglas klar (NGC) und braun (NGA) des Typ 1 für Pharmaverpackungs-Kunden in ganz Indien.
Elke Hess, Journalistin, Indien

Wo Götter über Technik wachen

In Indien sind Tradition und Fortschritt kein Widerspruch. Beispiel für dieses produktive Nebeneinander ist das Unternehmen SCHOTT Glass India.

Für einen Augenblick könnte man fast vergessen, dass man sich in Indien befindet. Nach umfangreichen Modernisierungsmaßnahmen ist das vor fast drei Jahren von SCHOTT Glass India (SGI) übernommene Werk in Jambusar im nordwestindischen Bundesstaat Gujarat in jeder Hinsicht auf dem neusten Stand. Addrett weiß-blau getüncht, eingebettet in sattgrüne Landschaft, präsentiert sich der Gebäudekomplex, in dem 340 Mitarbeiter Spezialglasrohr für Pharmaverpackungen herstellen, dem Besucher. Doch dann fällt in einer der Fabrikhallen der Blick auf ein typisch indisches Attribut: das Bild eines blauhäutigen, üppig verzierten Gottes, wie es einem überall im Land, vom Taxi bis zum Gemischtwarenladen um die Ecke, begegnet. Modernste Technik und jahrtausendealte Tradition – in Indien geht beides Hand in Hand.

Mit einer Wachstumsrate von elf Prozent im Jahr 2000 ist die Pharmaindustrie nach der Informationstechnologie der dynamischste Marktsektor im Land der heiligen Kühe und der Cyber-Cafés. Das Geschäft mit Medikamenten erfordert besonders strenge Vorschriften, geht es doch letztlich um Menschenleben.

Hochempfindliche Präparate müssen so verpackt werden, dass die Medikamente ausreichend geschützt sind. Zugleich muss sich das Verpackungsmaterial gegenüber dem Inhalt absolut neutral verhalten. Aus Spezialglasrohr werden Ampullen und Fläschchen für Pharmapräparate, von Impfseren bis zu Vitaminen, hergestellt. Jambusar und das 50 Kilometer entfernte Baroda, wo Verkauf und Verwaltung ihren Sitz haben, gelten als beste Adresse für die pharmazeutischen Packmittel. In Jambusar fertigt die Tubing Division von SCHOTT Glass India Röhren aus Neutralglas klar (NGC) und braun (NGA) des Typs 1 für Pharmaverpackungshersteller aus ganz Indien. Das Unternehmen hat sich inzwischen als Marktführer in diesem Bereich positioniert. Für besonders hohe Anforderungen an die Pharmaverpackung können Kunden in Baroda „Fiolax“ Spezialglasröhren ordern, die in Rohr-Werken des SCHOTT Konzerns in Spanien und Deutschland hergestellt wurden. SCHOTT beliefert alle führenden Pharmafirmen auf dem Subkontinent, darunter E. Merck, Pfizer, Novartis und GlaxoWellcome. Auch der Export nach China und Südafrika entwickelt sich erfreulich.

Neue Maßstäbe

Ein kontinuierlicher Strang von Glasschmelze läuft auf die langsam drehende Danner-Pfeife auf. Am tiefen Ende wird das Glas schon in Rohrform abgezogen und in die Horizontale abgelenkt.
Optische Qualitätskontrolle der fertigen Röhren.
„Unsere Vision ist es, stets einen Schritt voraus zu sein, was Leistung und Qualität angeht“, erklärt Andreas Reisse, Leiter des SCHOTT Geschäftssegments Rohr. Keineswegs nur schöne Worte: Gleich nach Übernahme des Werks begann SGI mit einem umfangreichen Projekt zur Verbesserung der Produktqualität, der Qualitätssicherung, der Betriebssicherheit und des Umweltschutzes, tatkräftig unterstützt von SCHOTT-Rohrglas in Deutschland. Experten reisen regelmäßig nach Gujarat, um ihr Know-how weiterzugeben, zugleich werden indische Mitarbeiter zum Training nach Deutschland entsandt.

Im Zuge der Modernisierung und Erweiterung wurden unter anderem die Schmelzwannen und Produktionseinrichtungen sowie die Qualitätssicherung mit neuster Technologie ausgestattet. Die Produktqualität wurde hierdurch entscheidend verbessert, ebenso die Verpackung durch Einführung des „Densopack“ Systems zum Einschweißen gebündelter Glasröhren. Als erster Glasrohrhersteller in Indien veröffentlichte SCHOTT Glass India im Juni 2000 seine Technischen Lieferbedingungen für NGC und NGA. Ein Jahr später erhielt SGI, ebenfalls als erster in Indien, das ISO-9002-Zertifikat des TÜV Rheinland/Berlin-Brandenburg. Anfang 2000 ging ein neues Gebäude zur Sandbearbeitung in Betrieb. Dieser Rohstoff muss in Indien vor der Weiterverarbeitung zunächst getrocknet und durchgesiebt werden. „Außerdem haben wir ein neues vollautomatisches Gemengehaus gebaut. Damit ist die Staubbelastung für die Mitarbeiter extrem verringert worden“, erklärt R.N. Banerjee, Direktor von SCHOTT Glass India.

Vom Erdbeben verschont geblieben

Vom Werk in Jambusar werden führende Pharmahersteller auf dem indischen Subkontinent beliefert.
Hochwertiges Verpackungsmaterial, das die unverfälschte Qualität der Präparate ermöglicht, spielt angesichts des extrem gestiegenen Wettbewerbs und Konzentrationsprozesses auf dem indischen Pharmamarkt eine wichtige Rolle. SGI hat sich zum Ziel gesetzt, seine Marktführerschaft als wichtiger Lieferant in diesem Bereich zu behaupten und auszubauen. Auch wenn man in Indien gelegentlich mit Widrigkeiten rechnen muss, die in manch anderen Ländern so gut wie unbekannt sind. So bekamen die insgesamt 360 Mitarbeiter in Baroda und Jambusar das verheerende Erdbeben in Gujarat Anfang des Jahres hautnah zu spüren. Doch offenbar zeigte das Vertrauen der indischen Beschäftigten auf göttlichen Beistand Wirkung: Abgesehen von einigen Rissen in den Fabrikgebäuden blieb SGI vor größeren Schäden verschont.