Lichtleiter

Vorerst nur eine Computersimulation: Eine Wand aus „Lightweight“ Steinen, durch die sich schimmernd Bäume abzeichnen.
Katja Nau, Köln

Beton wird lichtdurchlässig

Beton – man denkt an graue Einheitsfassaden, Brücken, triste Tiefgaragen oder anonyme Trabantenstädte. Dass der Baustoff aber auch ganz anders wirken kann, zeigt der ungarische Architekt Áron Losonczi. Dabei mit im Spiel: Lichtleiter von SCHOTT.

Trostlos, grau, öde – um das Image von Beton ist es alles andere als gut bestellt. Und das, obwohl er nach wie vor oft zum Einsatz kommt. Das Baumaterial gehört zu den meistbenutzten der zeitgenössischen Architektur – und wurde längst auch von Künstlern entdeckt.

„Beton wird oft als ein wuchtiges, inhumanes Material angesehen“, bestätigt auch Áron Losonczi. Doch das könnte sich mit seinem Projekt „Lightweight“ vielleicht schon bald ändern: Der junge ungarische Architekt hat eine Methode entwickelt, mit der Beton lichtdurchlässig gemacht werden kann und vom schweren Baustoff zum federleichten Material mutiert – zumindest im Auge des Betrachters.

Interessante Effekte

Ein Betonstein, der leuchtet: Tausende von Glasfasern machen ihn lichtdurchlässig.
Im Rahmen eines Postgraduierten-Kurses an der Kungliga Konsthögskolans Arkitekturskola (Royal University College of Fine Arts) in Stockholm beschäftigte sich Losonczi mit dem Thema Glas in der Architektur, als er auf Lichtleitfasern stieß. Er nahm Kontakt auf mit SCHOTT Scandinavia, wo man ihm Glasfasern zur Verfügung stellte – und begann zu experimentieren. Schließlich fertigte er als Abschlussarbeit zwei lichtdurchlässige Betonblöcke an – die Prototypen für sein Projekt „Lightweight“: Tausende von sehr dünnen Glasfasern werden in Reihen nebeneinander gelegt und in Beton gegossen. Das Ergebnis: ein tragendes Baumaterial, das es so noch nicht gegeben hat. „Lightweight“ Steine übermitteln Helligkeit. Das natürliche – oder künstliche Licht – das auf die eine Seite des Betonblocks fällt, wird von den Glasfasern quer durch das Innere geleitet und zeichnet sich auf der Oberfläche der anderen Seite leuchtend ab. Umgekehrt erscheinen Schatten auf der einen als scharfe Umrisse auf der anderen Seite der Betonquader. Eine Wand aus Steinen wird so zu einer Mischung aus riesiger Leinwand und Mega-Scanner. Sie ist in der Lage, die Silhouette von Bäumen, Häusern und Passanten ins Innere eines Gebäudes zu übertragen.

Komplexe Ästhetik

Wie ein Scanner:
Die Wand gibt die Silhouette der Hand eins zu eins wieder.
Die perfekte Verbindung von Licht und Architektur. Und ein Prozess, in dem das Material Beton schwerelos zu werden scheint. „Wenn man versucht, zu beschreiben, wie eine mächtige Wand ihre Schwere verliert, dann ist lichtdurchlässig vielleicht gar nicht der passende Begriff, denn der ästhetische Aspekt ist wesentlich komplexer“, philosophiert Losonczi.

Theoretisch, so der Künstler, könne eine Wand aus „Lightweight“ Steinen bis zu einigen Metern dick sein, denn die Glasfasern würden das Licht über eine Distanz von beispielsweise einem Meter so gut wie ohne Helligkeitsverlust leiten. Wie belebend sich das auf ganze Fassaden aus grauem Beton auswirken kann, zeigt vorerst nur eine Computersimulation. Doch bald schon will Losonczi eine Wand bauen, an der er mit verschiedenen Arten des Lichteinfalls experimentieren kann. Auch ein erstes Gebäude – ein kleiner Pavillion oder eine Kapelle – ist geplant. Am liebsten würde Losonczi sie in seinem ungarischen Wohnort Csongrád errichten. Vor allem aber hofft er natürlich darauf, seine Idee mit einem geeigneten Partner zu vermarkten.

Innovatives Baumaterial

Diesen Partner könnte er in SCHOTT bereits gefunden haben. „Wir können uns gemeinsam mit einem oder mehreren unserer Kunden eine Zusammenarbeit gut vorstellen“, sagt Wolfgang Streu, Sales Manager Lighting im Bereich Faseroptik bei SCHOTT, „denn wir sind immer auf der Suche nach neuen Anwendungen. Und dieser Einsatz des Materials ist auch für uns überraschend.“ Das innovative Baumaterial, so Streu, könne die Gestaltungsmöglichkeiten von Architekten immens erhöhen – und zwar nicht nur im Wohnbereich, sondern auch in kommerziellen Räumen, etwa großen Banken oder Versicherungen. „Diese neue Technik dürfte auch für Lichtplaner und Lichtlabors hochinteressant sein. Wir möchten bei unseren Kunden Interesse dafür wecken und natürlich auch neue Kunden ansprechen und gewinnen.“