OP im Mutterleib

Manchmal kann das Fernsehen dem Leben eine neue Richtung geben. Als Thomas Kohl noch ein Medizinstudent in Essen ist, sieht er eines Abends einen Filmbeitrag über Michael Harrison, den weltweit ersten Chirurgen, der versuchte, Feten im Mutterleib zu operieren. Von da an ist Kohl klar: Das will er auch machen. Einige Jahre später verbringt er insgesamt drei Forschungsjahre an der University of California in San Fran- cisco – dort, wo auch Harrison arbeitet. Er beginnt, minimal invasive Operationen an Schaf-Feten zu entwickeln.

Heute ist der inzwischen 40-jährige Kinderarzt und Pränatalmediziner dabei, am Universitätsklinikum Bonn eine Arbeitsgruppe für Humane Fetalchirurgie aufzubauen. 2002 fand ein erster endoskopischer Eingriff an einem Fetus mit einem offenen Rücken (Spina bifida) statt. Durch strohhalmdünne Trokare deckte Kohl das freie Rückenmark mit einem winzigen Teflon-Flicken ab. Mühsames Arbeiten – der Trokar-Durchmesser misst nur ein Drittel des in der Endoskopie sonst üblichen.

Weitere geplante Einsatzgebiete des Fetalchirurgen: Eingriffe an Ungeborenen mit lebensbedrohlichen Zwerchfellhernien – Defekten, durch die ein Durchtreten von Bauchorganen in den Brustraum erfolgt, was wiederum die Entwicklung der Lungen behindert. Daneben entwickelt Kohl an der Universität Münster vorgeburtliche Herzeingriffe. An ungeborenen Lämmern konnte sein Team bereits erfolgreich Herzfehler beheben. Sollten sich die Eingriffe etablieren, könnte das für den Privatdozenten Kohl und seine Arbeitsgruppe viel Arbeit bedeuten. Gut eines unter 3.000 Babys kommt heute mit einem offenen Rücken auf die Welt, die Ziffer für Neugeborene mit Zwerchfellhernie ist ähnlich. Und acht von 1.000 Babys werden mit einem Herzfehler geboren. Thomas Kohls Habilitationsarbeit wurde zur „Entwicklung fetoskopischer Operationstechniken“ mit dem Werner-Forßmann-Preis ausgezeichnet, den das Kuratorium Kardiologie 2000 der Universität Bochum jährlich verleiht.